Das jüdische DP-Camp Bergen-Belsen

Die Bewohner des DP-Lagers Belsen fordern die freie Einreise nach Erez Israel. Neben dem Redner steht der Vorsitzende des Zentralkomitees, Josef Rosensaft. /The people living in the Belsen DP-camp demand free entry to Eretz Israel. Next to the speaker stands Josef Rosensaft, Chairman of the Central Committee. (Quelle/Source: Archiv Menachem Rosensaft)

Etwa zwei Kilometer vom KZ Bergen-Belsen entfernt, befand sich der Mitte der 1930er Jahre aufgebaute Truppenübungsplatz Bergen-Hohne. Es war der größte Übungsplatz im Deutschen Reich mit fast 100 zweigeschossigen Kasernenbauten. In einem Teil davon waren in der letzten Woche vor der Befreiung noch mehr als 15.000 Häftlinge des KZ Bergen-Belsen untergebracht worden. Nach der Befreiung nutzte die britische Armee einen Großteil der Gebäude des Truppenübungsplatzes als Nothospital und als Zentrum für die Repatriierung der befreiten Häftlinge.
Nach dem vorläufigen Abschluss der Repatriierungen im Herbst 1945 trat die Funktion dieses Lagerkomplexes als DP-Camp in den Vordergrund. Die jüdischen Überlebenden benannten es „DP-Camp Bergen-Belsen“, um deutlich zu machen, dass sie gezwungen waren, wegen fehlender Emigrationsmöglichkeiten weiterhin auf deutschem Boden in unmittelbarer Nähe des ehemaligen KZ Bergen-Belsen zu leben.
Vor allem polnische und ungarische Juden waren in diesem Camp verblieben. Auf Anordnung der britischen Militärregierung lebten sie hier mit zahlreichen nichtjüdischen Polen zusammen. Die fortdauernden Konflikte zwischen diesen beiden Gruppen veranlassten die britische Militärregierung Mitte 1946, die nichtjüdischen polnischen DPs in andere Camps der britischen Zone zu verlegen.

Seit 1946 war Bergen-Belsen mit bis zu 12.000 jüdischen Bewohnern das mit Abstand größte jüdische DP-Camp im Nachkriegsdeutschland. Anders als in der amerikanischen Zone wurde den seit Frühjahr 1946 aus Polen in die DP-Camps in den westlichen Besatzungszonen zuwandernden Juden, die den Holocaust in der Sowjetunion überlebt hatten, von der britischen Militärregierung der DP-Status zunächst verweigert.

Schon wenige Tage nach der Befreiung entstand ein jüdisches Komitee, aus dem im September 1945 das gewählte „Zentralkomitee der befreiten Juden in der britischen Zone“ unter dem Vorsitz von Josef Rosensaft hervorging. Es war zugleich auch Interessenvertreter der kleineren jüdischen DP-Camps sowie der wieder gegründeten jüdischen Gemeinden in verschiedenen Städten der britischen Zone gegenüber der deutschen Verwaltung und der britischen Militärregierung. Im Durchschnitt lebte mehr als die Hälfte der Juden in der britischen Zone im DP-Camp Bergen-Belsen.
Die jüdischen DPs vollzogen durch den Aufbau quasi – staatlicher Institutionen wie dem Zentralkomitee als „Regierung“ des DP-Camps, eine eigene Polizei und eines Lagergerichts sowie Schulen, politischen Parteien etc. – den Prozess der jüdischen Staatswerdung in ihrem eigenen Lebensumfeld. Dazu zählte auch die Tatsache, dass sich ab Mitte 1947 etwa die Hälfte der jüdischen DPs in Bergen-Belsen als Kibbuzim organisierten.

Etwa 15 bis 20 Prozent der jüdischen DPs in Bergen-Belsen zählten zu der Gruppe der Ultra-Orthodoxen, die sich insbesondere wegen ihrer Ablehnung des Zionismus vom jüdischen Zentralkomitee trennten und eigene religiöse und soziale Institutionen aufbauten.

Die Politisierung der jüdischen DPs im Sinne des Zionismus war in Bergen-Belsen noch ausgeprägter als in den jüdischen DP-Camps der amerikanischen Zone, da sie hier unmittelbar mit den Briten als einflussreichstem Gegner der jüdischen Staatsgründung in Palästina konfrontiert waren.
Wie in den anderen jüdischen DP-Camps spielten auch in Bergen-Belsen die kollektive Auseinandersetzung mit der Traumatisierung durch die NS-Verfolgung und die Entwicklung einer Erinnerungskultur eine wichtige Rolle. Wichtige Medien dafür waren u. a. die ab Juli 1945 in jiddischer Sprache erscheinende Lagerzeitung mit dem programmatischen Titel Undzer Sztyme oder das im Sommer 1945 gegründete „KZ-Theater“, das neben unterhaltenden Stücken auch Szenen und Stücke aufführte, die in den Ghettos sowie den Konzentrations- und Vernichtungslagern spielten.

Durch die räumliche Nähe zum ehemaligen KZ Bergen-Belsen konnten die jüdischen DPs auch auf die Gestaltung der hier entstehenden Gedenkstätte Einfluss nehmen. Am 15. April 1946, dem ersten Jahrestag der Befreiung, weihten sie hier ein jüdisches Mahnmal ein – das erste jüdische Denkmal auf dem Gelände eines ehemaligen NS-Konzentrationslagers.

Neben dem schulischen Unterricht für die Kinder spielten auch die Erwachsenenbildung bzw. die berufliche Aus- und Weiterbildung im Blick auf die geplante Emigration eine wichtige Rolle. Für den Aufbau und Betrieb dieser Bildungseinrichtungen wie auch für andere soziale Belange im jüdischen DP-Camp war die Unterstützung durch jüdische Hilfsorganisationen wie den JOINT oder ORT unerlässlich.

Erst mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 gab es für die meisten jüdischen DPs die Möglichkeit einer legalisierten Emigration aus Deutschland. Etwa 70 Prozent der Juden aus Bergen-Belsen wanderten im Rahmen dieser legalen Emigration nach Palästina bzw. Israel aus. Letzte Einschränkungen der Auswanderung aus der britischen Zone nach Israel hob die britische Militärregierung im Januar 1949 auf.
Mitte 1950 wurde das DP-Camp Bergen-Belsen aufgelöst, nachdem die letzten rund 1.000 Bewohner in das DP-Camp Upjever (Landkreis Friesland) verlegt worden waren. Dieses Camp wurde im August 1951 geschlossen. – (Thomas Rahe)

Quellen | References

Archive | Archives

  • YIVO Institute for Jewish Research, New York
    Leo W. Schwarz Papers / Displaced Persons Centers and Camps in Germany
  • Yad Vashem, Jerusalem
    RA 0-70 (Josef Rosensaft Archive)

Literatur | Literature

  • Sophie Fetthauer, Musik und Theater im DP-Camp Bergen-Belsen. Zum Kulturleben der jüdischen Displaced Persons 1945–1950, Neumünster 2012
  • Angelika Königseder/Juliane Wetzel, Lebensmut im Wartesaal. Die jüdischen DPs (Displaced Persons) im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt/M. 1994
  • Hagit Lavsky, New Beginnings. Holocaust Survivors in Bergen-Belsen and the British Zone in Germany, 1945–1950, Detroit 2002
  • Thomas Rahe, Polnische und jüdische Displaced Persons im DP-Camp Bergen-Belsen, in: Rebecca Boehling/Susanne Urban/René Bienert (Hg.), Freilegungen. Displaced Persons. Leben im Transit: Überlebende zwischen Repatriierung, Rehabilitation und Neuanfang, Göttingen 2014, S. 61–72
  • Nicola Schlichting, „Öffnet die Tore von Erez Israel“. Das jüdische DP-Camp Belsen 1945–1948, Nürnberg 2005

Lexikoneintrag | Lexicon entry

Belsen – Jüdisches DP-Lager (Hohne) | Jewish DP Camp (Hohne)