Die jüdische Nachkriegsgemeinde Konstanz

Mitteilungsblatt des Jüdischen DP-Komitees in der französischen Besatzungszone. /Newsletter of the Jewish DP Committee in the French Occupation Zone. (Repro: nurinst-archiv)
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„Seit der Deportation der letzten Konstanzer Juden nach dem Osten im April 1941 war die Stadt zur ‚jüdischen Wüste‘ geworden“, erinnerte sich Robert Wieler. Er wurde im badischen Randegg geboren, wuchs in Konstanz auf und übersiedelte 1923 mit seinen Eltern nach Kreuzlingen. Später gehörte Wieler zu den Mitbegründern der schweizerischen Israelitischen Gemeinde Kreuzlingen und saß dieser viele Jahre lang vor.

Erst am 13. Mai 1945 konnte er über den Grenzzaun Kontakt zu den wenigen überlebenden Glaubensbrüdern in Deutschland herstellen. Ein „historischer Moment“ für Wieler, der mit Interesse und Anteilnahme „das Entstehen einer neuen jüdischen Gemeinschaft von Displaced Persons, größtenteils polnischer Herkunft“, in Konstanz beobachtete. Denn von den Mitgliedern der ehemaligen deutschen Gemeinde hatte nur eine Handvoll überlebt. „Dramatische Ereignisse brachte das Jahr 1945“, notierte er. „Elendstransporte mit Juden aus den Lagern Bergen-Belsen und Theresienstadt (Terezín) rollten an. Gleich nach der Besetzung von Konstanz durch französische Truppen standen Juden am Grenzzaun, in gestreifter Sträflingskleidung, Überlebende der KZ-Lager.“ In einer vom „World Jewish Congress“ erstellten „List of Jewish Survivors in Constance“ vom 9. November 1945 sind über 160 Shoa-Überlebende aufgeführt. Darunter auch Abraham Eichenbaum aus Lodz, der bereits im Sommer 1945 ein Jüdisches Komitee im ehemaligen Gemeindehaus in der Sigismundstraße 21 gegründet hatte. Die jüdische Vertretung bat die Stadt um Überlassung eines Raums, in dem man sich zum Gebet versammeln konnte. Gegen Zahlung von 20 Reichsmark pro Nutzung stellte die Stadtverwaltung einen kleinen Saal zur Verfügung.

Im Laufe des Jahres 1946 hatten sich die Juden in Konstanz soweit etabliert, dass sich im alten Gemeindehaus in der Sigismundstraße neben dem örtlichen Komitee auch das „Comité Israelite Central pour la Zone d’Occupation Français en Allemagne“ gründen konnte. Diese Vereinigung vertrat die Interessen aller Juden in dieser Zone – knapp 1.300 Shoa-Überlebende, die in 16 Gemeinden und Kibbuzim lebten. Im Oktober 1946 verlegte das Zentralkomitee sogar eine eigene Zeitung. In diesem maschinengeschriebenen Nachrichtenblatt wurde über die politische Entwicklung in Erez Israel und das Leben in den einzelnen Gemeinden berichtet: „In Konstanz mit seinen 150 Menschen entfaltet sich eine gute Gemeinschaftsarbeit“, ist unter der Rubrik „Die Comités berichten“ zu lesen. „Im ehemaligen jüdischen Gemeindehaus werden 150 Menschen täglich mit warmem Essen verpflegt. Das Comité veranstaltet oft Referate, welche von den Chawerim gut besucht werden. Hebräische, englische und französische Kurse weisen eine große Zahl von Teilnehmern auf. Auch befindet sich im eigenen Haus der Betraum der Gemeinde.“ Doch nicht nur an das Seelenheil wurde gedacht, die körperliche Betätigung sollte ebenfalls nicht fehlen: „Die kürzlich in Konstanz ins Leben gerufene Sportgemeinschaft Makabi hat viele Gewinne im Fußball, wie im Tischtennis zu verzeichnen“, freute sich der Journalist des Nachrichtenblattes.

Vielfältige Unterstützung erhielt die Konstanzer Gemeinde weiterhin von ihren Freunden aus Kreuzlingen: „Das Schweizer Judentum hat seit Kriegsende sich um das Los der befreiten jüdischen DPs in der französisch besetzten Zone gleich interessiert; sie unterstützen die DPs in materieller, wie in geistiger Hinsicht“, war nachzulesen. „Die aufopferungsvolle und unermüdliche Leistung des Präsidenten der Israelitischen Gemeinde in Kreuzlingen, Herrn Robert Wieler, hat ganz besonders die Achtung und die Sympathie bei den jüdischen DPs in der ganzen französischen Zone gewonnen.“ Auch bei den Chawerim des Fischereikibbuz im Konstanzer Ortsteil Egg. Dort, am Ufer des Bodensees, hatten 80 junge Männer und Frauen der zionistischen Jugendorganisation DROR einen Trainingskibbuz gegründet. „Eine intensive Fachausbildung im Fischereiberuf bereitet die Menschen zur Auswanderung nach Erez Israel vor, um dort ihre produktive Arbeit fortzusetzen“, informierte die jüdische Zeitung.

Im Frühjahr 1947 verließen die Mitglieder des Kibbuz Egg über Nacht ihr vorübergehendes Zuhause am Bodensee. Der Grund: Da es die französische Militärregierung angesichts der Nähe zur Schweizer Grenze für schwierig hielt, eine Fischereilizenz zu erteilen, mussten sich die Kibbuzniks auf Theorie und landwirtschaftliche Arbeit beschränken. Daher hatten sich die angehenden Fischer offensichtlich entschlossen, auf illegalem Weg über Österreich und Italien nach Palästina zu gelangen.

Die jüdische DP-Gemeinde Konstanz bestand noch einige Jahre, schrumpfte jedoch mit der kontinuierlichen Auswanderung ihrer Mitglieder nach Israel, in die USA, nach Kanada oder Australien immer mehr, sodass die Gemeinschaft letztlich 1953 in der Israelitischen Gemeinde Freiburg-Konstanz aufging.
Erst in den 1960er Jahren entstand eine unabhängige Gemeinde mit eigenem Betsaal in Konstanz. Wichtigen Anteil daran hatte der 1945 am Bodensee gestrandete Sigmund (Shimon) Nissenbaum. Der gebürtige Warschauer hatte mehrere Konzentrationslager überlebt und musste zuletzt Zwangsarbeit in einer Fabrik in Offenburg leisten, auf einem Todesmarsch wurde er von französischen Soldaten befreit. Bis zum Ende der 1980er Jahre leitete Nissenbaum die Jüdische Gemeinde Konstanz. Unterstützung erhielt er lange Zeit vom Rabbiner der Israelitischen Gemeinde St. Gallen, Dr. Lothar Rothschild, der auch einige Zeit in Kreuzlingen tätig war. – (jgt)

The Jewish Postwar Community of Constance

„After the deportation of the last Constance Jews to the East in April 1941, the city had become a ‚Jewish desert‘,“ Robert Wieler remembered. He was born in Randegg, Baden, grew up in Constance and moved to Kreuzlingen with his parents in 1923. Later Wieler was one of the founders of the Swiss Jewish community in Kreuzlingen presiding over it for many years.

It was not until May 13, 1945, that he was able to make contact with the few surviving fellow believers in Germany over the border fence. This was a „historic moment“ for Wieler, who observed with interest and sympathy „the emergence of a new Jewish community of displaced persons, mostly of Polish origin“ in Constance, as only a few of the members of the former German community had survived. „The year 1945 brought on dramatic events,“ he noted. „Wretched transportation of Jews from the Bergen-Belsen and Theresienstadt (Terezín) camps rolled in. Immediately after the occupation of Constance by French troops, Jews stood at the border fence, dressed in their striped convict clothes – survivors of the concentration camps.“ In a „List of Jewish Survivors in Constance“ compiled by the „World Jewish Congress“ on November 9, 1945, over 160 Shoah survivors are listed. Among them was Abraham Eichenbaum from Lodz, who had already founded a Jewish Committee in the former community centre at Sigismundstraße 21 in the summer of 1945. The Jewish representative asked the city administration to provide a room where people could gather for prayer, and were given a small hall against payment of 20 Reichsmark for every time they used it.

In the course of 1946, the Jews in Constance had established themselves to such an extent that, in addition to the local committee, the „Comité Israelite Central pour la Zone d’Occupation Français en Allemagne“ was also able to be founded in the old community centre in Sigismundstraße. This association represented the interests of all Jews in this zone – almost 1,300 Shoah survivors living in 16 communities and kibbutzim. In October 1946, the Central Committee even published its own newspaper. This typewritten newsletter reported on political developments in Eretz Israel and life in the individual communities: „In Constance, with its 150 people, good community work is unfolding,“ one can read under the heading „The Comités Report.“ „In the former Jewish community centre, 150 people are provided with hot meals every day. The Comité often organises lectures, which are well attended by the Chawerim. Hebrew, English and French courses have a large number of participants. Also, the congregation’s prayer room is located in its own house.“ But not only spiritual salvation was thought of, but physical activity as well: „The sports community Makabi, which was recently founded in Constance, has won many times in soccer, as well as in table tennis,” the journalist of the newspaper was pleased to report.

The Constance community continued to receive a great deal of support from its friends in Kreuzlingen: „Since the end of the war, Swiss Jewry has taken an equal interest in the liberated Jewish DPs’ lot in the French-occupied zone; they support the DPs both materially and spiritually,“ it read. „The self-sacrificing and untiring efforts of the president of the Jewish community in Kreuzlingen, Mr. Robert Wieler, have especially won the respect and sympathy of the Jewish DPs throughout the French zone.“ Also among the Chawerim of the fishing kibbutz in the Egg district of Constance. There, on the shores of Lake Constance, 80 young men and women from the Zionist youth organisation DROR had established a training kibbutz. “Specialised intensive training in the fishing trade prepares people for emigration to Eretz Israel to continue their productive work there,“ wrote the Jewish newspaper.

In the spring of 1947, the members of Kibbutz Egg left their temporary home on Lake Constance over night. The reason for this was that the French military government found it difficult to issue a fishing licence – being close to the Swiss border – so the kibbutzniks had to confine themselves to theory and agricultural work. Because of this, these prospective fishermen evidently decided to reach Palestine illegally via Austria and Italy.

The Jewish DP community of Constance continued to exist for a few years, but dwindled more and more with the continuous emigration of its members to Israel, the USA, Canada or Australia, so that the community ultimately merged into the Jewish Community of Freiburg-Konstanz in 1953.
It was not until the 1960s that an independent community with its own prayer hall was established in Constance. Sigmund (Shimon) Nissenbaum, who had been stranded at Lake Constance in 1945, played an important role in this development. Born in Warsaw, he had survived several concentration camps and finally made to do forced labour in a factory in Offenburg; he was freed by French soldiers while on a death march. Nissenbaum led the Jewish community of Constance up until the end of the 1980s. For a long while he received support from the rabbi of the Jewish community of St. Gallen, Dr. Lothar Rothschild, who also worked in Kreuzlingen for some time. – (Translation: CB)

Quellen | References

Archive | Archives

  • American Jewish Joint Distribution Committee Archives, New York
    AR 45/54 Germany
  • Arolsen Archives (ITS), Bad Arolsen
    Registrations and Files of Displaced Persons
  • Israelitische Kultusgemeinde Konstanz, Archiv
  • YIVO Institute for Jewish Research, New York
    Leo W. Schwarz Papers / Displaced Persons Centers and Camps in Germany

Literatur | Literature

  • Erich Bloch, Geschichte der Juden in Konstanz im 19. und 20. Jahrhundert, Konstanz 1971
  • Tobias Engelsing, Das jüdische Konstanz. Blütezeit und Vernichtung, Konstanz 2015

Lexikoneintrag | Lexicon entry