Die jüdische DP-Gemeinde in Celle

Das jüdische Selbstverwaltungskomitee in Celle. (Foto: Stadtarchiv Celle/Sammlung Olewski)

Wegen der Überfüllung des DP-Lagers Bergen-Belsen in den ersten Wochen nach der Befreiung brachte die britische Militärregierung jüdische Überlebende des KZ Bergen-Belsen in „Assembly Centres“ in Celle unter. Von hier aus sollten sie zügig repatriiert werden.

Zu ihnen gehörte auch eine Gruppe von 1.135 polnischen Juden, die am 6. Mai 1945 in die Celler Heidekaserne verlegt wurden, wo sie ausgesprochen schlechte Lebensbedingungen vorfanden. Noch im Mai 1945 verließen sie die Heidekaserne und beschafften sich auf eigene Faust – ohne Beteiligung der städtischen Behörden – über das Stadtgebiet verteilt Wohnraum. Die meisten lebten nun in einem Zimmer zusammen mit einer deutschen Familie in deren Wohnung.

In den folgenden Wochen gab es einerseits eine ohne Zustimmung der Militärregierung erfolgte Zuwanderung auch von jüdischen Frauen aus dem DP-Lager Bergen-Belsen nach Celle. Andererseits siedelte ein Teil der Anfang Mai 1945 nach Celle verlegten Juden in andere jüdische Gemeinden wie Hannover oder in das DP-Lager Bergen-Belsen über, nach dem sich die Situation dort entspannt hatte. Zu ihnen zählte u. a. auch Rafael Olewski, Redakteur der jiddischsprachigen Zeitung „Undzer Sztyme“, deren erste Ausgabe in Celle erschien. Er war auch Vorsitzender des jüdischen Komitees, das sich nun als Interessenvertretung der jüdischen DP-Gemeinde in Celle bildete. Im Juni 1945 beantragten die jüdischen DPs bei der Stadt Celle ihre formelle Anerkennung als jüdische Gemeinde.

Nach der erheblichen Fluktuation in den ersten Wochen stabilisierte sich diese jüdische DP-Gemeinde nun institutionell und personell. Die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder – insgesamt mehr Männer als Frauen – lag in der Folgezeit zwischen 400 und 500. Bis Mitte 1947 gab es unter den jüdischen DPs in Celle 86 Eheschließungen. Zwischen 1945 und 1950 kamen in Celle insgesamt 31 jüdische Kinder zur Welt.

Schon im Mai 1945 nahm der Rabbiner der Celler jüdischen Gemeinde Israel-Moshe Olewski – der Bruder von Rafael Olewski – die Renovierung und Wiedereinrichtung der Celler Synagoge in Angriff. Alle dabei entstehenden Kosten hatte die Stadt Celle zu tragen. Wichtig für das religiöse jüdische Leben war auch die Bereitstellung koscherer Lebensmittel, was in Celle schon recht bald gelang. Auch daran wird deutlich, dass die Celler Gemeinde – die 1946 die drittgrößte jüdische Gemeinde in Niedersachsen war – schnell auch eine überregionale Bedeutung erhielt.

Die Verbindungen zum jüdischen DP-Lager Bergen-Belsen blieben eng. Das galt u. a. für die medizinische Versorgung von Mitgliedern der Celler Gemeinde in der Ambulanz des DP-Lagers, die Teilnahme an den dortigen politischen und kulturellen Veranstaltungen, aber auch für Hilfslieferungen insbesondere von Lebensmitteln durch die in Bergen-Belsen ansässigen jüdischen Hilfsorganisationen. Bei Problemen mit der britischen Militärregierung oder den deutschen Behörden wandte sich die Celler Gemeinde hilfesuchend an das Zentralkomitee der befreiten Juden in der britischen Zone, das seinen Sitz im DP-Lager Bergen-Belsen hatte.

Einige der Gemeindemitglieder eröffneten in Celle auch kleine Geschäfte, meist für den Handel mit Textilien. Diese Geschäftstätigkeit war jedoch kein Indikator für die Absicht einer dauerhaften Integration in Celle. Wie die Mehrheit der jüdischen DPs im Nachkriegsdeutschland lehnten auch die Mitglieder der jüdischen DP-Gemeinde in Celle eine Repatriierung oder gar ein Verbleiben in Deutschland kategorisch ab und sahen für sich eine Zukunft nur außerhalb Europas, vor allem in einem jüdischen Staat in Palästina. Durch eine vor allem nach der Staatsgründung Israels im Mai 1948 zunehmende Auswanderung (die organisatorisch in der Regel über das DP-Lager Bergen-Belsen erfolgte) verminderte sich die Zahl der Gemeindemitglieder in Celle, wenn auch etwas langsamer als in den jüdischen DP-Lagern. So lebten Ende März 1951 noch 143 Juden in Celle, doch schon Ende 1951 war ihre Zahl auf 33 gesunken. – (Thomas Rahe)

Quellen

Archive

  • Stadtarchiv Celle
  • Wiener Library, London

Literatur

  • Jüdisches Leben in Celle nach 1945, hg. von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Celle, Bielefeld 2005

Lexikoneintrag

Celle – Jüdisches DP-Lager und Gemeinde | Jewish DP Camp and Community